31. Juli 2017

Eigener Anbau

Frühjahr

Jeder Mensch, der schon einmal wie wir sich die Mühe machte im eigenen Garten ein Beet für Gemüse anzulegen, durfte erfahren, was es bedeutet, einen Boden umzugraben, ihn anschließend zu glätten, um die Reihen für die Saat ziehen zu können. Er begibt sich auf die Knie und legt Korn um Korn in die Furchen. Danach bedeckt er den Samen, ganz vorsichtig, ganz behutsam mit der Erde, nässt diese eventuell noch mit etwas Wasser…der Feuchtigkeit wegen ….

Am Abend dann, vor den ersten Träumen, sich noch einmal zu fragen: habe ich auch alles richtig gemacht?

Tage vergehen. Die Gedanken sind bei der frischen Saat. Die Versuchung, nicht doch einmal am Boden zu kratzen, ob nicht schon ein kleiner Keim zu sehen ist, brennt in den Fingern. Bricht dann die Pflanze mit ihren ersten zarten Blättern durch den Erdboden, dann kommen ihm Gedanken wie: „Wau….ist das von mir?“, kontrolliert aber schon im nächsten Moment: „Ist der Abstand auch richtig?, steht die Saat zu eng?“

Sommer

Mit der Zeit gesellen sich zu der Saat immer mehr andere Pflanzen, vor denen man steht und sich fragt: Muss ich da mit den Fingern oder bereits mit der Hacke, Platz machen?

Tage gehen ins Land. Mit Regen. Mit Hitze. Es gewittert. Hagel, Sturm fegen über den Boden. „Oh je…da nascht eine Raupe vom Kohl, in der Petersilie sind Läuse“. Damit noch nicht genug: „was ist denn mit dem Blatt da los? Das hat ganz braune Flecken!! Bei der Zucchini verwelken die Früchte, warum nur..?? Doch mit den Jahren lernen wir die einzelnen Kulturen kennen und bekommen so mehr und mehr Einblicke in das Wissen, was zu tun ist. Die unbezahlbare Erfahrung lehrte uns, was die braunen Blätter verursacht, wo die Läuse herkommen und ob die Raupen wirklich bekämpft werden müssen. Irgendwann weiß man: erst kommt die Laus, aber später der Marienkäfer, um die Salate von den Plagegeistern zu säubern und das bei Trockenheit genügend zu wässern ist, weil sonst der Salat schießt.

Ist alles gut gegangen und die Ernte nähert sich, schiebt der Finger etwas Erde zur Seite, um zu fühlen, zu sehen…“aaah: die Möhre ist schon dick.“ Er zieht am Laub, hilft etwas mit der“ Gräpe“ nach, nimmt die Wurzel hoch und freut sich über den Anblick. Etwas krumm, nun ja, was solls, etwas dick…egal, das ist nicht so schlimm. Das ist die Natur!

In der Küche mit dem eigenem angebauten Gemüse zu kochen, das ist einfach das Größte.

„Probier mal, das ist das beste Gemüse von der ganzen Welt, so muss Gemüse schmecken“, sage ich meinen Bekannten. (Das eigene Gemüse ist immer das Beste)

Herbst

Die Tage werden kürzer und die ersten Fröste kündigen sich an. „Schaffen wir es den Kürbis rechtzeitig zu ernten?“ „Habe ich noch genug Platz im Lager für die vielen Früchte?“ „Der Spinat müsste dringend verkauft werden. Aber auf dem Markt sind zu wenig Kunden. Es sind ja gerade Ferien und es regnet auch noch.“

Schade…die späte Saat Bohnen ist heute Nacht verfroren.“

Vor dem Winter wollen wir gerne den Boden begrünen, sonst liegt die Erde blank da und kann vom Wind und Wasser abgetragen werden. Roggen ist gut, aber Radieschen könnten wir noch einmal versuchen. So hätten wir dann ja auch noch einen Ertrag von den Beeten, bevor der Winter kommt.

Winter

Mehr und mehr beherrschen Überlegungen den Tag, was machen wir im nächsten Jahr, was können wir ändern? War die Tomate gut im Geschmack? Eine der Brokkolisorten hatte Hitzeschäden, viele gelbe Knospen. Pflanzen wir die Kartoffel Linda, oder besser Belinda?

Voller Zuversicht geht man in die Planung für das nächste Jahr, bestellt das Saatgut und sagt sich: „das machen wir jetzt so und das so. Der Mangold darf nicht neben den Kräutern stehen, der hat zu große Blätter. Der Rotkohl braucht mehr Platz (Pflanzabstand), zu viele Köpfe sind zu klein geblieben.

Manche Kunden auf dem Markt beklagen sich: “der Porree ist viel zu groß für mich, das kann ich nicht gebrauchen“. Andere finden die Kartoffeln viel zu klein, oder wollen keine von Würmern angebohrten Möhren. Ich denke: “ja das stimmt, der Porree ist zu schnell gewachsen, die Pflanzen des nächsten Termins sind aber noch zu klein, um verkauft zu werden, und ich denke, durch die nassen Tage im Juni ist das Laub der Kartoffeln schon so früh zusammengebrochen, dadurch hatten sie nicht genügend Zeit zu wachsen. Von den Möhren haben wir noch 120 Kisten. Ich muss abwägen, ob wir lieber unsere eigene Ernte nicht so schöner Möhren und zu kleiner Kartoffeln verkaufen oder Fremdware von Biokollegen nehmen. Die meisten Kunden aber, sie bevorzugen die eigene Ernte, auch mit kleinen Mängeln. Ich muss abwägen, schließlich müssen auch die vielen Mitarbeiter ihren wohl verdienten Lohn erhalten und der Trecker benötigt dringend neue Reifen.

Gemüse aus eigenem Anbau ist ehrlicherweise nicht immer das schönste. Einfacher wäre es, die Ware dort zu kaufen wo sie gerade am besten ist, doch durch das Vertrauen, welches uns unsere Kunden immer wieder entgegen bringen, schaffen wir es Jahr um Jahr aufs Neue, uns den Anforderungen zu stellen, denn unsere Erfahrung hat uns gelehrt: bei der Vielzahl unserer Gemüsesorten in unseren Gewächshäusern und auf den Feldern gelingt nicht immer jede Kultur. Das wissen unsere Kunden. Sie kennen uns und wissen, unser biologisch angebautes Gemüse ist gesund und schmeckt. Das schafft einen persönlichen Kontakt, der über das förmliche Sie hinaus geht. „Gibst du mir 5 Kilo von den Kartoffeln?“ „Wie immer von der Linda, oder willst du mal die Solara probieren die ist weniger fest?“

Frühjahr

Es ist März. Die Jungpflanzen sind bereit. Der Boden muss vorbereitet werden. Es sind Minus 10 Grad und es fällt Schnee! Ich sehe das Sofa und mache ein Nickerchen…..